#Erfahrungsbericht

Das Ref – eine einzige Prüfung, Teil II / Blogbeitrag "Nigela"

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(C) Tinatin / Fotolia

Wie viele Prüfungen welcher Art man während der Ref-Zeit insgesamt durchlaufen muss, weiß vorher eigentlich keiner der angehenden Reffis so genau. Wir könnten hier zwar die Prüfungsleistungen für BaWü aufzählen, aber unser Ref ist mittlerweile erschreckend lang her und das Land denkt sich regelmäßig neue Gimmicks aus. Womit man wohl in jedem Bundesland verlässlich rechnen kann, sind Lehrproben. Um diese Events für alle Beteiligten möglichst spannend zu gestalten, gibt’s regionalbedingt verschiedene Möglichkeiten:

In Schleswig-Holstein hat man alle Prüfungen, die das Ref für einen bereithält (also auch alle Lehrproben), an einem einzigen Tag(abgesehen von einer DaZ-Klausur, der ein gesonderter Tag gewidmet ist). Wenn man an dem besagten Tag nicht in Prüfungslaune ist, kriegt man die Quittung mit der Note. Dafür ist der ganze Spuk aber auch nach wenigen Stunden vorbei. UND: Das in SH neu eingeführte DaZ-Zertifikat ersetzt die zweite Staatsexamensarbeit.

Um die kommt man in BaWü wiederum nicht herum (sie nennt sich dort Doku, vgl. letzter Blogbeitrag von Nigela) und man hat auch ansonsten mehr von seinen Prüfungen. In BaWü gibt es für jede Lehrprobe einen eigenen Zeitraum, der in den Hauptfächern etwa 12 Unterrichtsstunden umfasst (bei einem vierstündigen Fach also 3 Wochen). Um den Terror auf die schon geschundene Psyche der Reffis zu erhöhen, erfährt man im Vorfeld nicht, wann die Prüferinnen und Prüfer kommen. Man gibt den Zeitplan einer Unterrichtseinheit (= Stoffverteilungsplan) ab und die Prüfer/innen suchen sich eine der dort vermerkten Stunden aus. Sie stehen dann aber nicht einfach im Klassenzimmer, sondern kündigen sich fairerweise drei Tage vorher per Post an, was dazu führt, dass die Schulleitung innerhalb dieser Zeiträume täglich von Referendar/innen beglückt wird, die nach "dem Brief" fragen. Ist dieser Brief endlich eingetroffen, hat man drei Tage Zeit (bzw. drei Nächte, denn vormittags muss man ja unterrichten und nachmittags den regulären Unterricht vorbereiten, wenn man seine wertvolle Zeit nicht gerade im Seminar – andernorts auch unter dem Terminus "Modul" bekannt – absitzt), für die entsprechende Unterrichtsstunde einen Entwurf zu schreiben. Dieser Entwurf enthält Aussagen über den Gegenstand (Sachanalyse), über die Klasse, über das, was im Vorfeld unterrichtet wurde und über die Kompetenzen, die man meint, in dieser Lehrprobenstunde zu vermitteln.

Man darf sich übrigens aussuchen, ob man Einzel-oder Doppelstunden zeigt. Auch wenn es absurd klingt, hat Ni sich häufig für Doppelstunden entschieden. Zwar wird das Leiden dort um 100% verlängert, man kann aber mehr unterbringen (und man soll ja zeigen, was man alles kann). Lässt man die Schülis 30 Minuten in Stillarbeit Arbeitsblätter ausfüllen und sichert die Ergebnisse hinterher in einen Unterrichtsgespräch, verkauft man sich unter Wert. Man wählt also im Vorfeld ein abwechslungsreiches Methodenensemble, von dem man weiß, dass man dabei selbst eine kompetente Figur macht. Nach ihrer allerersten Lehrprobe wurde Ni von dem Prüfungsvorsitzenden (in BaWü kommt man in den Genuss externer Prüfer, die man zuvor noch nie gesehen hat) gefragt: "Weshalb musste ich mir das 90 Minuten antun? Hätten es 45 Minuten nicht auch getan?"

 Auf solche und ähnliche Hiebe gilt es dann souverän und möglichst professionell zu reagieren. Tipp: Sich vor Beginn des Prüfungsgesprächs kurz Richtung Toilette entschuldigen! Normalerweise wird man nämlich direkt vom Klassenzimmer (quasi noch zitternd von der Stunde) ins Besprechungszimmer manövriert, wo man dann Rede und Antwort stehen muss. Die sanitären Anlagen bieten einen Schutzraum, in dem man sich kurz sammeln kann. Mitunter haben Nigela sich dort einige Dinge zur gerade vergangenen Stunde notiert, um sie beim anschließenden Gespräch nicht zu vergessen. Merke: Reflexion ist das A und O des Refs. Man macht nicht einfach, sondern man macht es reflektiert. Man reflektiert vor der Stunde (Entwurf) und man reflektiert nach der Stunde (Prüfungsgespräch). Es muss deshalb kein Unglück sein, wenn Stunden nicht wie geplant laufen, aber man muss in der Reflexion auf solche Momente eingehen. In der bereits angesprochenen ersten Lehrprobe hat Ni aus Zeitnot eine komplette Arbeitsphase ausgespart. Wenn man da nicht sinnvoll argumentiert, geht man bestenfalls mit einer 4 aus der Prüfung. Das Weglassen einzelner Unterrichtsphasen sollte natürlich auch mit Bedacht gewählt werden: Die Sicherung wegzulassen oder in die Hausaufgabe zu verlagern (also das, was praktizierende Lehrkräfte alltäglich tun) kommt im Referendariat einem Kopfschuss gleich. Das Argument hingegen man habe eine Arbeitsphase verkürzt oder gar eingespart, um mehr Zeit für eine sorgfältige Sicherung zu haben, könnte (je nach Prüfer/in) auf fruchtbaren Boden fallen. Die Lehrprobe hat Ni jedenfalls mit einer 1,5 bestanden – ein Ergebnis, über das sie in diesem Fall unendlich glücklich war.

Als sie jedoch auch aus allen mündlichen Prüfungen (Schulrecht, Pädagogik, Deutsch) mit dieser Note nach Hause kam, wurde sie argwöhnisch. Weshalb niemals eine 1,0? Inhaltlich fehlten offenbar keine wesentlichen Aspekte. Man hört ja Kritik für gewöhnlich nicht gern, aber mitunter soll sie einen ja weiterbringen. Ni fragte also bei den grundsätzlich wohlwollenden Prüfer/innen der Deutschprüfung nach, was zu einer 1,0 fehlte. Antwort: Fachsprache! Dinge nicht umschreiben, sondern mit vorher auswendiggelerntem Fachvokabular auf den Punkt bringen. Menschen, die die einfachsten Dinge mit komplizierten Termini unverständlich machen, sind Nigela ein Gräuel. Es stand für Ni aber nur noch eine Prüfung im Fach Geschichte bevor und versuchen wollte sie das mit den Fachwörtern. Es ist so simpel. Ein paar mehr oder weniger leere Phrasen an Fachjargon hier und da eingestreut und schwupps, da war sie die 1,0.

Gela erinnert sich in besonderem Maße an ihre Pädagogik-Prüfung. Von den vier geprüften Themen hatte sie genau eines gelernt (Pubertät), das heißt, sie hätte sich die Vorbereitung auch ganz sparen können. Aber wer rechnet schon damit, zu moodle befragt zu werden? Daran hatte zumindest Gela in der ganzen Vorbereitung keinen einzigen Gedanken verschwendet. Und über den offenen Unterricht hatte ihr Pädagogik-Mensch vorher explizit gesagt, dass er nicht drankäme (Spoiler: Verlasst euch nie auf derlei Aussagen, Gela ist schon im 1. Examen darüber gestolpert!). Natürlich wurde sie auch dazu ausführlich befragt. Entsprechend hat sie sich nur irgendwelchen Mist aus den Fingern saugen können und vor sich hin gestottert. Nur ihren einleitenden Vortrag zu ihrem Schwerpunktthema fand sie ganz gut. Und dann kam die Begründung zur Notenvergabe: "Ihr Vortrag war zu allgemein gehalten, aber danach in der Prüfung wurden Sie stärker und konnten zu allen Themenbereichen fundiert antworten." HAHA!

Fazit: Ref ist leider in erster Linie Show. Man verkauft sich als Lehrer/innenpersönlichkeit, man handelt so, wie Prüfer/innen es von einem erwarten und man spricht aus, was Didaktik- und Pädagogikgurus einem in den Mund legen. Aber bloß nicht mit eigenen Worten! Nach dem Ref kann man sich dann vielleicht auf das Unterrichten konzentrieren. Und sollte das mit der Stelle nicht klappen, so stehen einem ja gut bezahlte Alternativen offen, immerhin hat man einen 18-monatigen Schauspielkurs absolviert...

Tipp aus der Fit4Ref-Redaktion:

(C) Nicole Lüke

Dieser Blogbeitrag wurde von den beiden Buchautorinnen "Ni" und "gela" verfasst. In dem Buch "Mit Nigela durchs Referendariat" findet ihr noch viele weitere spannende Geschichten rund um das Referendariat.

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