Worauf du bei der Planung von Freiarbeit achten solltest
Normalerweise stehen Lehrkräfte vor ihrer Klasse und vermitteln ihren Schüler*innen den Lernstoff. Im Gegensatz zum Frontalunterricht haben Schüler*innen im Rahmen der Freiarbeit deutlich mehr Freiheiten. Sie entscheiden über das Thema, die Methode, den zeitlichen Rahmen, die Sozialform und den Einsatz der Lernmaterialien. Damit das überhaupt möglich ist, muss die Lehrkraft die Freiarbeit gut vorbereiten.
Öffnungsgrad der Freiarbeit
Der Öffnungsgrad beschreibt, wie viel Freiheit du deinen Schüler*innen in der Freiarbeit einräumst. Diese Freiheit kann sich auf unterschiedliche Aspekte beziehen – etwa auf die Auswahl der Themen, der Methoden, der Materialien, der Sozialform oder des zeitlichen Umfangs. Je nach Lerngruppe, Zielsetzung und Erfahrungsstand im Umgang mit offenen Unterrichtsformen kann es sinnvoll sein, den Grad der Offenheit bewusst zu steuern.
Man unterscheidet typischerweise fünf Formen der Freiarbeit:
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Materialgebundene Freiarbeit: Die Lehrkraft stellt eine vorbereitete Lernumgebung mit ausgewählten Materialien zur Verfügung. Die Lernenden wählen selbstständig aus diesem Angebot und bearbeiten die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo. Das Material gibt dabei häufig die Methoden, Sozialformen und Bewertungskriterien mit vor.
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Fachgebundene Freiarbeit: Die Lernenden gestalten ihren Lernweg selbst, müssen sich dabei aber auf ein bestimmtes Fach oder einen Lernbereich beschränken. Diese Form ist gut geeignet, um innerhalb eines Fachunterrichts mehr Eigenverantwortung zu ermöglichen.
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Interessensorientierte Freiarbeit: Die Lehrkraft gibt lediglich grobe Eckpunkte wie ein Lernziel, ein Zeitfenster oder ein Endprodukt (zum Beispiel eine Präsentation) vor. Die Themenwahl und alle weiteren Aspekte liegen bei den Schüler*innen. Diese Form fördert besonders die Motivation und den individuellen Lernzugang.
Unser Tipp: Je jünger die Schüler*innen oder je unerfahrener sie mit offenen Lernformen sind, desto stärker sollte der Rahmen zunächst gesetzt sein. Mit wachsender Selbstständigkeit kann der Öffnungsgrad schrittweise erhöht werden.
Kriterien für die Auswahl von Materialien für die Freiarbeit
Die Qualität der Materialien entscheidet maßgeblich über den Erfolg der Freiarbeit. Sie sollten nicht nur fachlich korrekt sein, sondern vor allem so gestaltet sein, dass sie selbstständiges und differenziertes Lernen ermöglichen. Achte dabei auf folgende Kriterien:
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Klar strukturierte und ansprechende Gestaltung: Gut lesbare Schrift, übersichtliches Layout und klare Gliederung helfen, sich schnell zu orientieren. Farben, Bilder und Symbole können zusätzlich die Verständlichkeit und Attraktivität erhöhen.
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Vielfältige Lernzugänge: Unterschiedliche Materialtypen (zum Beispiel Texte, Bilder, Videos, Lernspiele, Arbeitsblätter, Karten, Experimente) sprechen verschiedene Lerntypen an und fördern die ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand.
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Angabe von Methode und Sozialform: Materialien sollten Hinweise enthalten, wie sie bearbeitet werden können – ob in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, ob durch Lesen, Schreiben, Experimentieren oder kreatives Gestalten.
Unser Tipp: Materialien mit Spielcharakter, wie zum Beispiel Lernspiele, Rätsel oder interaktive Elemente, erhöhen die Motivation erheblich. Sie fördern zudem die intrinsische Lernbereitschaft, die für nachhaltiges Lernen entscheidend ist.
Rahmenbedingungen für Freiarbeit
Damit Freiarbeit im Unterricht gelingt und ihren pädagogischen Mehrwert entfalten kann, müssen bestimmte organisatorische und didaktische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Eine gut durchdachte Lernumgebung sowie klare Abläufe sorgen dafür, dass Schüler*innen konzentriert, eigenverantwortlich und zielgerichtet arbeiten können.
Unser Tipp: Bevor du Freiarbeit fest in deinem Unterricht einplanst, hör dich im Kollegium um oder frag direkt bei der Schulleitung nach, ob du diese Methode ohne Bedenken umsetzen kannst.
Raumgestaltung und Lernumgebung
Der Klassenraum sollte flexibel nutzbar sein. Mobile Tische und Stühle ermöglichen schnelle Wechsel zwischen Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit. Schaffe zudem unterschiedliche Arbeitsbereiche: ruhigere Ecken für konzentrierte Einzelarbeit, offene Gruppenarbeitsflächen sowie Präsentationsflächen (zum Beispiel Pinnwände oder Tische für Lernprodukte).
Achte außerdem auf gute Beleuchtung und eine angenehme Geräuschkulisse. Lernmaterialien sollten übersichtlich, geordnet und für alle zugänglich präsentiert werden – zum Beispiel auf Thementischen, in Regalen oder Materialboxen.
Einführung der Freiarbeit und Ritualisierung
Gerade am Anfang ist es wichtig, die Freiarbeit gut einzuführen. Besprich mit der Klasse, was Freiarbeit bedeutet, welche Regeln gelten, und welche Rolle du als Lehrkraft einnimmst. Mit festen Ritualen – wie einem Einstiegskreis, einem Planungsblatt oder einem Abschlussgespräch – strukturierst du die Phase und gibst Sicherheit. Überlege dir außerdem ein klares Signal für Anfang und Ende der Freiarbeitszeit (z. B. durch Musik, ein akustisches Zeichen oder ein visuelles Symbol an der Tafel).
Transparenz und Orientierung
Die Schüler*innen sollten jederzeit wissen, was von ihnen erwartet wird. Ein Arbeitsplan, eine Checkliste oder ein Lernjournal kann helfen, den Überblick über Aufgaben, Fortschritt und Ziele zu behalten.
Auch eine visuelle Übersicht an der Tafel oder ein Ampelsystem zur Selbsteinschätzung kann unterstützend wirken. Ziel ist, dass die Lernenden selbstständig planen und reflektieren lernen – auch wenn sie dabei zunächst Anleitung benötigen.
Unterstützende Beraterrolle
Während der Freiarbeit übernimmst du die Rolle eines Lernbegleiters: Du beobachtest, gibst gezielt Impulse, unterstützt bei Problemen und moderierst bei Bedarf. Halte dich bewusst im Hintergrund, um die Eigenverantwortung zu stärken, aber sei ansprechbar. Besonders wichtig: Achte darauf, alle Schüler*innen im Blick zu behalten, auch die stillen oder weniger auffälligen.
Differenzierung und Zugänglichkeit
Achte darauf, dass alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Lernstand, ihrer Sprache oder etwaigen Beeinträchtigungen Zugang zu den Aufgaben und Materialien haben. Biete gegebenenfalls Hilfekarten, Vorlesehilfen oder Visualisierungen an. So wird Freiarbeit inklusiv und gerecht.
Vorteile von Freiarbeit im Unterricht
Freiarbeit sorgt nicht nur für Abwechslung im Unterricht, sondern hat noch viele weitere Vorteile für deine Schüler*innen.
Persönlichkeitsentwicklung
Zunächst einmal förderst du deine Schüler*innen mit Freiarbeit individuell. Durch die Freiheit, selbst über den Lernprozess zu entscheiden, können die Schüler*innen viel über sich selbst lernen. Was weckt ihr Interesse und woran haben sie Spaß? Wie gehen sie bei der Arbeit vor? Wie gut können sie ihre eigene Leistung einschätzen?
Freiarbeit fördert die Selbstständigkeit und die Reflexionsfähigkeit der Schüler*innen. Sie können außerdem ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen. Die Schüler*innen können die Materialien frei auswählen, wofür sie ihre eigenen Interessen und Begabungen kennen müssen.
Unterschiedliche Leistungsniveaus
Im Frontalunterricht ist es oft herausfordernd, alle Schüler*innen mitzunehmen. Freiarbeit geht automatisch auf unterschiedliche Leistungsniveaus ein. Wenn du das Freiarbeitsmaterial gewissenhaft auswählst, gibt es die passenden Inhalte für alle und niemand wird unter- oder überfordert. Zugleich können die Schüler*innen in ihrem individuellen Tempo arbeiten.
Fazit: Selbstverantwortliches Lernen mit Freiarbeit fördern
Freiarbeit ermöglicht es Schüler*innen, entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen zu lernen. Neben Fachkompetenzen fördert Freiarbeit dadurch ebenso Selbstkompetenzen, Sozialkompetenzen und Methodenkompetenzen. Als Lehrkraft nimmst du dazu während der Freiarbeit lediglich eine beratende Rolle ein. Bei der Vorbereitung gibt es aber einiges zu tun: Neben der Auswahl von Freiarbeitsmaterialien, die ansprechend sind und zum Lernstand deiner Schüler*innen passen, musst du auch für eine passende Lernumgebung für die Freiarbeit sorgen.
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