Freiarbeit im Unterricht erfolgreich einsetzen

Uhr
Lesezeit:  10 Minuten

Als Abwechslung zum Frontalunterricht bietet sich Freiarbeit ein. Die Methode des offenen Unterrichts fördert die Selbstständigkeit der Lernenden sowie individuelles Lernen. Im Kern haben Schüler*innen im Rahmen der Freiarbeit eine Auswahl aus unterschiedlichen Lernangeboten und Materialien, und können selbst entscheiden, was sie lernen wollen. Obwohl Lehrkräfte während der Freiarbeit eher eine beratende und begleitende Rolle haben, ist die Vorbereitung der Unterrichtseinheit nicht weniger aufwendig. Hier erfährst du, wie du Freiarbeit im Unterricht einsetzen kannst und worauf du achten solltest. 

© Max Fischer / Pexels

Worauf du bei der Planung von Freiarbeit achten solltest

Normalerweise stehen Lehrkräfte vor ihrer Klasse und vermitteln ihren Schüler*innen den Lernstoff. Im Gegensatz zum Frontalunterricht haben Schüler*innen im Rahmen der Freiarbeit deutlich mehr Freiheiten. Sie entscheiden über das Thema, die Methode, den zeitlichen Rahmen, die Sozialform und den Einsatz der Lernmaterialien. Damit das überhaupt möglich ist, muss die Lehrkraft die Freiarbeit gut vorbereiten.  

Öffnungsgrad der Freiarbeit

Der Öffnungsgrad beschreibt, wie viel Freiheit du deinen Schüler*innen in der Freiarbeit einräumst. Diese Freiheit kann sich auf unterschiedliche Aspekte beziehen – etwa auf die Auswahl der Themen, der Methoden, der Materialien, der Sozialform oder des zeitlichen Umfangs. Je nach Lerngruppe, Zielsetzung und Erfahrungsstand im Umgang mit offenen Unterrichtsformen kann es sinnvoll sein, den Grad der Offenheit bewusst zu steuern. 

 

Man unterscheidet typischerweise fünf Formen der Freiarbeit: 

 

  • Radikale Freiarbeit: Die Lernenden gestalten den gesamten Lernprozess eigenständig – von der Themenwahl über die Methode bis hin zum Ergebnis. Diese Form erfordert ein hohes Maß an Selbststeuerung und eignet sich besonders für sehr erfahrene Lerngruppen oder ältere Schüler*innen. 

  • Materialgebundene Freiarbeit: Die Lehrkraft stellt eine vorbereitete Lernumgebung mit ausgewählten Materialien zur Verfügung. Die Lernenden wählen selbstständig aus diesem Angebot und bearbeiten die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo. Das Material gibt dabei häufig die Methoden, Sozialformen und Bewertungskriterien mit vor. 

  • Themengebundene Freiarbeit: Hier steht ein übergeordnetes Thema fest. Innerhalb dieses Rahmens können die Lernenden Schwerpunkte setzen und selbst entscheiden, wie sie sich dem Thema nähern – etwa durch Experimente oder Recherchen. 

  • Fachgebundene Freiarbeit: Die Lernenden gestalten ihren Lernweg selbst, müssen sich dabei aber auf ein bestimmtes Fach oder einen Lernbereich beschränken. Diese Form ist gut geeignet, um innerhalb eines Fachunterrichts mehr Eigenverantwortung zu ermöglichen. 

  • Interessensorientierte Freiarbeit: Die Lehrkraft gibt lediglich grobe Eckpunkte wie ein Lernziel, ein Zeitfenster oder ein Endprodukt (zum Beispiel eine Präsentation) vor. Die Themenwahl und alle weiteren Aspekte liegen bei den Schüler*innen. Diese Form fördert besonders die Motivation und den individuellen Lernzugang. 

 

Unser Tipp: Je jünger die Schüler*innen oder je unerfahrener sie mit offenen Lernformen sind, desto stärker sollte der Rahmen zunächst gesetzt sein. Mit wachsender Selbstständigkeit kann der Öffnungsgrad schrittweise erhöht werden. 

Kriterien für die Auswahl von Materialien für die Freiarbeit

Die Qualität der Materialien entscheidet maßgeblich über den Erfolg der Freiarbeit. Sie sollten nicht nur fachlich korrekt sein, sondern vor allem so gestaltet sein, dass sie selbstständiges und differenziertes Lernen ermöglichen. Achte dabei auf folgende Kriterien: 

 

  • Anpassung an Lernstand und Interessen: Das Material sollte unterschiedliche Leistungsniveaus berücksichtigen und Anknüpfungspunkte zu den Interessen der Lernenden bieten. Nur so kann echte Motivation entstehen. 

  • Klar strukturierte und ansprechende Gestaltung: Gut lesbare Schrift, übersichtliches Layout und klare Gliederung helfen, sich schnell zu orientieren. Farben, Bilder und Symbole können zusätzlich die Verständlichkeit und Attraktivität erhöhen. 

  • Vielfältige Lernzugänge: Unterschiedliche Materialtypen (zum Beispiel Texte, Bilder, Videos, Lernspiele, Arbeitsblätter, Karten, Experimente) sprechen verschiedene Lerntypen an und fördern die ganzheitliche Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand. 

  • Differenzierungsangebote: Ideal ist ein Materialangebot mit abgestuften Schwierigkeitsgraden oder optionalen Erweiterungsaufgaben. Das ermöglicht eine individuelle Förderung innerhalb der Klasse. 

  • Klare Arbeitsaufträge: Die Aufgabenstellungen sollten so formuliert sein, dass sie ohne Hilfe verstanden werden können. Sie dürfen herausfordern, sollten aber nicht überfordern. 

  • Angabe von Methode und Sozialform: Materialien sollten Hinweise enthalten, wie sie bearbeitet werden können – ob in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit, ob durch Lesen, Schreiben, Experimentieren oder kreatives Gestalten. 

  • Möglichkeit zur Selbstkontrolle: Um eigenständiges Lernen zu fördern, sollten Lösungen zur Verfügung stehen – entweder direkt im Material oder separat. Alternativ kann die Möglichkeit zum Vergleich in Partnerarbeit gegeben werden. 

  • Offenheit für unterschiedliche Lösungswege: Materialien, die mehrere Lösungsansätze zulassen, regen zum Denken an und fördern Kreativität sowie die Reflexion über eigene Lernwege. 

 

Unser Tipp: Materialien mit Spielcharakter, wie zum Beispiel Lernspiele, Rätsel oder interaktive Elemente, erhöhen die Motivation erheblich. Sie fördern zudem die intrinsische Lernbereitschaft, die für nachhaltiges Lernen entscheidend ist. 

Rahmenbedingungen für Freiarbeit

Damit Freiarbeit im Unterricht gelingt und ihren pädagogischen Mehrwert entfalten kann, müssen bestimmte organisatorische und didaktische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Eine gut durchdachte Lernumgebung sowie klare Abläufe sorgen dafür, dass Schüler*innen konzentriert, eigenverantwortlich und zielgerichtet arbeiten können. 

 

Unser Tipp: Bevor du Freiarbeit fest in deinem Unterricht einplanst, hör dich im Kollegium um oder frag direkt bei der Schulleitung nach, ob du diese Methode ohne Bedenken umsetzen kannst. 

Raumgestaltung und Lernumgebung

Der Klassenraum sollte flexibel nutzbar sein. Mobile Tische und Stühle ermöglichen schnelle Wechsel zwischen Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit. Schaffe zudem unterschiedliche Arbeitsbereiche: ruhigere Ecken für konzentrierte Einzelarbeit, offene Gruppenarbeitsflächen sowie Präsentationsflächen (zum Beispiel Pinnwände oder Tische für Lernprodukte).  

 

Achte außerdem auf gute Beleuchtung und eine angenehme Geräuschkulisse. Lernmaterialien sollten übersichtlich, geordnet und für alle zugänglich präsentiert werden – zum Beispiel auf Thementischen, in Regalen oder Materialboxen. 

Einführung der Freiarbeit und Ritualisierung

Gerade am Anfang ist es wichtig, die Freiarbeit gut einzuführen. Besprich mit der Klasse, was Freiarbeit bedeutet, welche Regeln gelten, und welche Rolle du als Lehrkraft einnimmst. Mit festen Ritualen – wie einem Einstiegskreis, einem Planungsblatt oder einem Abschlussgespräch – strukturierst du die Phase und gibst Sicherheit. Überlege dir außerdem ein klares Signal für Anfang und Ende der Freiarbeitszeit (z. B. durch Musik, ein akustisches Zeichen oder ein visuelles Symbol an der Tafel). 

Klarer Zeitrahmen

Gib eine feste Zeitspanne für die Freiarbeit vor und achte auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Freiheit und Struktur. Zu kurze Zeiträume führen zu Hektik, zu lange können zu Leerlauf führen. Das ist besonders bei jüngeren Schüler*innen oder Gruppen mit geringer Selbststeuerung wichtig.  

 

Du kannst Freiarbeit wöchentlich einplanen, projektorientiert über mehrere Tage hinweg einsetzen oder auch als methodischen Baustein innerhalb einer Unterrichtsstunde integrieren. 

Transparenz und Orientierung

Die Schüler*innen sollten jederzeit wissen, was von ihnen erwartet wird. Ein Arbeitsplan, eine Checkliste oder ein Lernjournal kann helfen, den Überblick über Aufgaben, Fortschritt und Ziele zu behalten.  

Auch eine visuelle Übersicht an der Tafel oder ein Ampelsystem zur Selbsteinschätzung kann unterstützend wirken. Ziel ist, dass die Lernenden selbstständig planen und reflektieren lernen – auch wenn sie dabei zunächst Anleitung benötigen. 

Unterstützende Beraterrolle

Während der Freiarbeit übernimmst du die Rolle eines Lernbegleiters: Du beobachtest, gibst gezielt Impulse, unterstützt bei Problemen und moderierst bei Bedarf. Halte dich bewusst im Hintergrund, um die Eigenverantwortung zu stärken, aber sei ansprechbar. Besonders wichtig: Achte darauf, alle Schüler*innen im Blick zu behalten, auch die stillen oder weniger auffälligen. 

Kontrolle und Feedback

Die Freiarbeit lebt vom Vertrauen in die Selbstständigkeit der Schüler*innen. Dennoch braucht es Rückmeldung und Erfolgserlebnisse. Materialien sollten nach Möglichkeit eine Selbstkontrolle ermöglichen (zum Beispiel durch Lösungsblätter). Zusätzlich kannst du Reflexionsgespräche, Feedbackbögen oder Lerntagebücher einsetzen. Eine gezielte Nachbesprechung fördert nicht nur das fachliche Lernen, sondern auch die Selbstreflexion über Arbeitsprozesse und Strategien. 

Differenzierung und Zugänglichkeit

Achte darauf, dass alle Schüler*innen unabhängig von ihrem Lernstand, ihrer Sprache oder etwaigen Beeinträchtigungen Zugang zu den Aufgaben und Materialien haben. Biete gegebenenfalls Hilfekarten, Vorlesehilfen oder Visualisierungen an. So wird Freiarbeit inklusiv und gerecht. 

Regeln für Freiarbeit

Wenn deine Schüler*innen die Oberhand haben, sollte vorher feststehen, welche Regeln während der Freiarbeit im Klassenzimmer gelten. Das können beispielsweise Regeln sein, die ihr bereits gemeinsam festgelegt habt.  

 

Unser Tipp: Die Regeln sollten gut sichtbar im Raum sein, sodass du als Lehrkraft im Zweifelsfall leicht darauf verweisen kannst. Dafür eignen sich beispielsweise Plakate. 

 

Mögliche Regeln sind zum Beispiel, dass man leise arbeitet und andere nicht stört. Die Schüler*innen sollten selbstständig prüfen, ob sie das Material vollständig bearbeitet haben. Vor allem in der Grundschule sind Regeln fürs Aufräumen sinnvoll. 

 

Auch für die Kontrolle und Reflexion der Ergebnisse sollte es Regeln geben: Wie wird festgehalten, was bearbeitet wurde? Wird im Freiarbeitsheft auch notiert, wobei man Schwierigkeiten oder woran man Spaß hatte?  

Vorteile von Freiarbeit im Unterricht

Freiarbeit sorgt nicht nur für Abwechslung im Unterricht, sondern hat noch viele weitere Vorteile für deine Schüler*innen.  

4 Vorteile von Freiarbeit
Abbildung 1: Die Vorteile von Freiarbeit (eigene Darstellung)

Persönlichkeitsentwicklung

Zunächst einmal förderst du deine Schüler*innen mit Freiarbeit individuell. Durch die Freiheit, selbst über den Lernprozess zu entscheiden, können die Schüler*innen viel über sich selbst lernen. Was weckt ihr Interesse und woran haben sie Spaß? Wie gehen sie bei der Arbeit vor? Wie gut können sie ihre eigene Leistung einschätzen? 

 

Freiarbeit fördert die Selbstständigkeit und die Reflexionsfähigkeit der Schüler*innen. Sie können außerdem ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen. Die Schüler*innen können die Materialien frei auswählen, wofür sie ihre eigenen Interessen und Begabungen kennen müssen. 

Eigenverantwortung

Freiarbeit stärkt das Selbstbewusstsein der Lernenden. Einerseits erfordert die Methode viel Selbstständigkeit. Die Schüler*innen müssen ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen, um die passenden Materialien auszuwählen. Sie müssen eigenständig entscheiden, an welchem Arbeitsplatz und mit welchen Lernpartner*innen sie arbeiten wollen. Darauf aufbauend müssen die Schüler*innen das Unterrichtsmaterial und die Lernmethode allein bearbeiten.  

 

Andererseits sprechen die Ergebnisse der Freiarbeit für sich. Wenn man etwas ganz allein schafft, ist man darauf oft stolzer. Das gibt mehr Vertrauen in die eigenen Kompetenzen. 

Unterschiedliche Leistungsniveaus

Im Frontalunterricht ist es oft herausfordernd, alle Schüler*innen mitzunehmen. Freiarbeit geht automatisch auf unterschiedliche Leistungsniveaus ein. Wenn du das Freiarbeitsmaterial gewissenhaft auswählst, gibt es die passenden Inhalte für alle und niemand wird unter- oder überfordert. Zugleich können die Schüler*innen in ihrem individuellen Tempo arbeiten.  

Weitere Kompetenzen

Freiarbeit fördert viele Kompetenzen deiner Schüler*innen. 

 

  • Die verschiedenen Sozialformen stärken die Sozialkompetenz: Die Schüler*innen müssen in Teams arbeiten, miteinander kommunizieren, kooperieren und gemeinsam Entscheidungen treffen. 

  • Die eigenständige Arbeitsweise fördert die Methodenkompetenz: Die Lernenden müssen eigene Lernstrategien entwickeln, Probleme erkennen und eigenständig dafür Lösungen finden. 

  • Die Schüler*innen erlernen neue Fachkompetenzen: Während der Freiarbeit eignen sie sich neues Wissen und Fähigkeiten selbst an. 

Fazit: Selbstverantwortliches Lernen mit Freiarbeit fördern

Freiarbeit ermöglicht es Schüler*innen, entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen zu lernen. Neben Fachkompetenzen fördert Freiarbeit dadurch ebenso Selbstkompetenzen, Sozialkompetenzen und Methodenkompetenzen. Als Lehrkraft nimmst du dazu während der Freiarbeit lediglich eine beratende Rolle ein. Bei der Vorbereitung gibt es aber einiges zu tun: Neben der Auswahl von Freiarbeitsmaterialien, die ansprechend sind und zum Lernstand deiner Schüler*innen passen, musst du auch für eine passende Lernumgebung für die Freiarbeit sorgen. 

 

Du bist Lehramtsstudent*in oder Referendar*in?

Fit4Ref ist eine kostenlose Lehramts-Community. Wir unterstützen dich mit vielen Vorteilen in jeder Phase auf deinem Weg zur Lehrtätigkeit. Sichere dir als LA-Student*in oder Referendar*in den Zugang zur Mediathek, der umfangreichen Unterrichtsmaterialdatenbank und vielen weiteren Vorteilen.

Weitere Vorteile entdecken
Kommentare
Es gibt noch keine Kommentare. Mach den Anfang! ;)